Gedeckte Farben, weiche Polster, abgerundete Ecken, Kunst an den Wänden. Wir sitzen mit unseren Laptops im Salon des Hotel Søfryd am Fjord von Roskilde und unterhalten uns angeregt mit Hoteldirektor Claus Bunde-Pedersen, der das Badehotel mit seiner Familie führt. Dass er ursprünglich aus dem Möbel- und Interieurgeschäft stammt, sieht man in jedem Winkel des in diesem Jahr neu eröffneten Hotels, dessen Historie bis 1916 zurückreicht.


Unser Zuhause für vier Tage: das Badehotel Søfryd
Die Anreise über Hamburg, Kiel und Odense
Gestern sind wir angekommen – nach einem Zwischenstopp in Hamburg und einer Übernachtung in Kiel. Dadurch konnten wir vormittags entspannt losfahren, mittags die Foodhalle von Odense erkunden und waren perfekt zur Check-In-Zeit hier in Jyllinge. Ich bin wieder mit meinen Freunden Sascha und Torsten von Die Jungs kochen und backen unterwegs. Seit einigen Jahren reisen wir gemeinsam durch Dänemark, um verschiedene Regionen kulinarisch zu entdecken, so wie jetzt Fjordlandet rund um Roskilde. Uns geht es dabei vor allem um die Menschen, ihre Produkte, ihr Handwerk und um ihre Leidenschaft. Und Claus merkt man die Leidenschaft sofort an. Das alte Badehotel stand nach zwei Insolvenzen länger leer und wurde mit viel Liebe zum Detail von Claus und seiner Familie nach einer Renovierung neu eingerichtet. 29 Zimmer strahlen puren skandinavischen Stil aus, ein absolutes Highlight ist dazu das Restaurant, das seine Kinder Jeppe und Emilie betreuen. Für uns ist das eine neue Erfahrung: Bisher haben wir meist in typischen Sommerhäusern gewohnt und uns selbst versorgt, wenn wir in Dänemark zu Besuch waren. Jetzt sind wir Hotelgäste und entdecken von hier aus die Region. Das wunderschöne Haus macht es aber einfach, sich wohlzufühlen. Unterschiedliche Ebenen, mit gemütlichen Sofas und Sesseln eingerichtet und herrlichen Blicken auf den Fjord laden ein, es sich bequem zu machen.





Abendessen mit Fjordblick
Am Anreisetag ist für uns ein Tisch im hoteleigenen Restaurant reserviert. Durch ein Fenster gibt es einen Blick in die Küche und uns läuft schon das Wasser im Mund zusammen, als wir die frisch gebackene Focaccia mit aufgeschlagener Butter sehen. Wir sind hungrig und bestellen Schnitzel vom Duroc-Schwein. Was wir bekommen, ist nicht etwa ein typisches Schweineschnitzel, sondern ein sagenhaft zart gebratenes Stielkotelett, knusprig in Panko paniert und mit gegrillter Zitrone und brauner Butter mit Kapern, Meerrettich und Sardellen serviert. Es ist phänomenal gut!

Zum Dessert gibt es Gâteau Marcel. Wir halten das für einen französischen Klassiker, der zufällig auf einer dänischen Karte gelandet ist. Erfunden hat ihn tatsächlich ein Franzose: Michel Michaud entwickelte ihn mit seinem Freund Marcel, weil ein glutenfreies Dessert gefragt war. Deshalb besteht der Kuchen nur aus Schokolade, Butter, Zucker und Eiern. Dieselbe Masse wird zweimal verwendet: Ein Teil wird als Boden gebacken, der Rest kommt als Mousse darauf. Dänisch wurde der Kuchen erst hier. Michaud kam 1971 nach Dänemark und brachte die französische Küche mit. Heute ist der Gâteau Marcel von dänischen Speisekarten nicht mehr wegzudenken. Und hier in der Variante mit Brombeeren einfach köstlich!




Abends im Salon: Gespräche, Focaccia und ein Rezept
Als wir hier an einem anderen Abend im Hotelsalon sitzen und uns mit Claus über unsere Leidenschaft für gutes Essen unterhalten, stellt er uns Victor Thorsteinsson aus der Küche vor. Und obwohl wir von einem anderen Abendessen kommen, können wir nicht Nein sagen, als uns Victor nochmal seine herausragende Focaccia anbietet. Und noch ein Dessert in Form von einer frittierten belgischen Waffel mit Vanilleeis und Tamarindenkaramell. Als er uns dann noch seine Rezepte verrät, könnten wir nicht glücklicher sein und fallen zufrieden ins Bett.
Wir sind aber natürlich nicht nur im Hotel – auch wenn ich das sofort für ein verlängertes Wochenende machen würde. Spaziergang am Fjord, gemütlich ins Bett gekuschelt oder mit einem Buch im Salon, dazu gutes Essen, hach. Doch wir wollen natürlich noch mehr von Roskilde sehen. Meist verbindet man den Namen nur mit „in der Nähe von Kopenhagen“ oder „Findet da nicht ein Musikfestival statt?“. Doch da gibt es noch mehr und für Sascha und mich geht ein kleiner Traum in Erfüllung. Ich sage nur: Flødeboller. Diese dänischen Schokoschaumküsse, mal mit Marzipan- mal mit Waffelboden. Wir bekommen davon nicht genug. Und heute ist unsere Zeit gekommen, wir dürfen sie selber machen!


Flødeboller selber machen bei Frellsen
Wir besuchen dafür die Firma Frellsen. 1897 als Zuckerwarenfabrik gegründet, gibt es heute 38 Läden im ganzen Land, eine eigene Schokoladenfabrik und gleichzeitig die zweitgrößte Kaffeerösterei Dänemarks. Peter Frellsen ist für den Schokoladenbereich zuständig. Er begrüßt uns persönlich und führt uns durch den Hauptsitz in Roskilde. In vierter Generation führen Peter und sein Cousin Henrik, der für den Kaffeebereich zuständig ist, das Familienunternehmen.




Über eine verglaste Treppe kann man einen Blick in die Produktion werfen: mehrmals pro Woche werden hier frische Flødeboller produziert, damit in den Läden immer frische Ware liegt. Neben der Produktion gibt es auch einen Werksverkauf und man kann hier außerdem in Kursen lernen, wie man die leckeren Schokoküsse selbst macht. Wir sind on fire und produzieren wie die Weltmeister. Hat man einmal den Dreh raus, ist es gar nicht so kompliziert, wie man zuerst denkt. Zwar entsprechen unsere Werke vielleicht nicht dem Standard der Produktion, aber wir tragen unsere Schätze sehr stolz und glücklich aus dem Betrieb.


Sct. Hans Have, ein alter Klinikgarten in Roskilde
Wir fahren weiter nach Sct. Hans Have. Das Gelände war früher Teil des psychiatrischen Krankenhauses Sankt Hans und wurde 2022 von der Kommune Roskilde übernommen. Maria-Louise begrüßt uns dort mit ihrem Nachbarn Heiner, der ursprünglich aus Stuttgart stammt, aber seit über 30 Jahren in Dänemark lebt. Maria-Louise kennt das Gelände seit ihrer Kindheit, ihr Vater war hier Psychiater und sie ist hier aufgewachsen. Heute arbeitet sie ehrenamtlich in der Küche des zugehörigen Cafés und führt Gäste wie uns durch die Gärten und Gewächshäuser.


Weinreben, die an der Innenseite der Scheiben hochwachsen, lange Holztische mit Schaffellen über den Stühlen, dazu frisch geerntete Dahlien, Zinnien und Cosmeen in einer Vase auf dem Tisch. Pure Gemütlichkeit und wir können es kaum erwarten, hier gleich Mittag zu essen. Seit über 200 Jahren wird auf dem Gelände schon Obst und Gemüse angebaut. Und während das Gebiet nach und nach in den kommenden zehn Jahren in Wohn- und Kulturraum umgewandelt wird, kümmern sich bereits seit 2014 ein Verein und heute eine Stiftung um das Gartenprojekt. Gearbeitet wird hier gemeinsam: Patientinnen und Patienten aus der Psychiatrie, Freiwillige und Angestellte stehen zusammen im Garten, in der Gärtnerei und im Café, das seit 2025 ganzjährig geöffnet ist. Neben klassischem Mittagessen oder Kaffee und Kuchen kann man hier auch Gewächshäuser und Flächen für Veranstaltungen wie Firmenevents oder auch Hochzeiten mieten.






Wir dürfen probieren, was hier direkt aus den Gärten auf dem Teller landet: frisch gebackenes Sauerteigbrot mit aufgeschlagener Butter, Smørrebrød und dreierlei vom Kürbis, dazu Blüten frisch aus dem Beet.

Die Wikingerschiffe von Roskilde
Trine holt uns an den Steintreppen des Wikingerschiffmuseums von Roskilde ab und führt uns in die beeindruckende Halle. Und dann stehen sie da. Fünf Schiffe oder zumindest das, was von ihnen übrig ist. Dunkles Holz, Rippe an Rippe, dazwischen Luft. Mühsam zusammengesetzt. Das Museum drumherum wirkt wie eine Vitrine um die Schiffsskelette, mit wunderbarem Blick in den Fjord. Man sieht sofort, dass jedes Schiff anders gebaut ist und einem anderen Zweck diente. Ein breiter Frachter, ein schmales Kriegsschiff, ein kleines Fischerboot – und trotzdem gehören sie erkennbar zusammen.

Gebaut wurden diese Schiffe zwischen 1030 und 1050. Einer Zeit, die für mich kaum greifbar ist. 1000 Jahre her? Und nach 20 bis 30 Jahren Nutzung wurden sie, um die Stadt zu schützen, mit Steinen gefüllt und im Fjord versenkt, genau dort, wo die Fahrrinne nach Roskilde verlief. 1962 konnten sie geborgen werden und wurden akribisch wieder zusammengesetzt. Was ich so nicht erwartet hätte, ist, dass nur zwei der Schiffe in Dänemark gebaut wurden. Zwei weitere stammen aus Norwegen und eins aus der Gegend um Dublin.

Nebenan auf der Werft
Draußen in der zugehörigen Werft arbeitet Martin Rodevad Dael an einem Nachbau. Er ist Werftleiter und Bootsbauer und bearbeitet gerade eindrucksvoll einen dicken Baumstamm mit einer kleinen Axt. Aus diesem Stamm werden Planken für den Nachbau der Skuldelev 5 – eines der Schiffe, vor denen wir eben noch in der Halle standen. Auf einem weichen, duftenden Boden aus Holzspänen laufen wir zu ihm. Schlag für Schlag lösen sich hier die Späne. Martin hält uns ein frisches Stück hin, um daran zu riechen. Gesägt wird hier nicht. Wikinger hatten beim Bootsbau auch keine Säge, deswegen werden die Stämme hier mit Keilen gespalten.




Was drinnen in der Halle steht, entsteht hier draußen gerade noch einmal, mit denselben Werkzeugen wie vor 1000 Jahren. Das ist es, was dieses Museum ausmacht: Die Schiffe stehen nicht nur da, sie werden nachgebaut und sie fahren auch! Von Mai bis September kann man selbst mit raus auf den Fjord.
Das Museumsgebäude kann die alten Schiffe nicht mehr ausreichend vor Sturmfluten und Licht schützen, deswegen wird gerade ein Neubau errichtet, in den die Wikingerschiffe im Jahr 2028 umziehen.

800 Jahre Geschichte in der Domkirke
Wir schlendern vom Hafen hoch ins Zentrum von Roskilde. Unser nächster Stopp ist die Roskilde Domkirke – auf deutsch: Dom zu Roskilde. Seit 1995 UNESCO-Welterbe und über Jahrhunderte die letzte Ruhestätte für dänische Königinnen und Könige. Mit der Kirche sind 40 Königinnen und Könige verbunden, davon sind 37 Gräber sicher belegt. Das älteste bekannte Grab ist aus dem Jahr 1074.


Auf dem Kirchplatz begrüßt uns Henrik mit freundlichem Lächeln und festem Händedruck. In Cordhose, Tweedjacket und Lodenmütze passt er perfekt zu diesem Ort voller Könige. Er führt uns durch das beeindruckende Gebäude. Das Besondere ist hier, dass die Kirche in über 800 Jahren gewachsen ist. Von den ersten Wikingerkönigen bis zur heutigen Zeit kamen nach und nach Grabkapellen hinzu, jede im Stil ihrer Zeit. Wie in einer Zeitreise wandern wir also von gotischem Backstein zu Barockengeln und Totenköpfen auf den Sarkophagen. Man läuft durch acht Jahrhunderte Baugeschichte und Kunst und das wirkt schon ziemlich beeindruckend.

Henrik bleibt zum Ende der Führung an einem Sarg stehen. Hier liegt Frederik VII., der 1849 das dänische Grundgesetz unterschrieb und damit die absolute Monarchie beendete. Neben ihm liegt niemand, obwohl er verheiratet war. 1850 heiratete er Louise Rasmussen, die uneheliche Tochter einer Dienstmagd. Eine am Hof sehr umstrittene Verbindung. Königin wurde sie nicht, sie bekam den Titel „Grevinde Danner“ – Gräfin Danner. 1854 kaufte er an ihrem Geburtstag Jægerspris Slot. Dort, in einem Grabhügel im Schlosspark, liegt sie heute. Was für eine beeindruckende Frau sie war, erzähle ich euch gleich.

Abendessen im alten Rathauskeller
Nach einem gemütlichen Bummel durch die Altstadt bleiben wir in der Geschichte. Unser Restaurant für den Abend liegt nämlich im wahrsten Sinne des Wortes nur einen Steinwurf von der Domkirke entfernt. Auch hier steht eine Kirche im Mittelpunkt – nur steht die nicht mehr…


Das Restaurant Raadhuskælderen führt uns ein paar Stufen hinab in einen beeindruckenden Backsteinbau. Es ist tatsächlich der Keller des alten Rathauses von 1883, das bis 2007 wirklich das Rathaus von Roskilde war. Nebenan steht ein mittelalterlicher Kirchturm, der nirgendwo richtig hinzugehören scheint. Er gehörte zur Sankt-Laurentii-Kirche ungefähr aus dem Jahr 1100, die 1531 von den Bürgern von Roskilde geplündert und abgerissen wurde, weil sie einen Marktplatz wollten. Der Turm wurde stehen gelassen, weil die Glocke gebraucht wurde. Und so erinnert die Szenerie irgendwie an einen Schauplatz von Game of Thrones und wirkt ein wenig surreal. Die Kirche selbst liegt bis heute unter dem Platz, der Grundriss ist im Pflaster markiert und man kann sich die Ruine angucken.

Warum auf den Tischen kleine dänische Flaggen stehen
Wir machen es uns aber im Restaurant gemütlich. Der Kellerraum macht es hyggelig, der Ort ist gut besucht, viele Menschen kommen hier zusammen, trinken regionales Bier und essen gutbürgerlich auf eine pure, skandinavische Art. Auf vielen Tischen stehen kleine dänische Flaggen und wir fragen die freundliche Kellnerin, was es damit auf sich hat. Was vielleicht wie ein Stammtischwimpel wirkt, markiert hier, dass jemand gefeiert wird. Ob Geburtstag, Konfirmation, Abitur, Hochzeit oder Jubiläum – kommen Menschen zu einem Anlass zusammen, steht die kleine Tischflagge vor der Person, die feiert. Dannebrog, die dänische Flagge, ist so viel mehr als ein bloßes Staatssymbol. Sie sagt nicht bloß „Dänemark“, sondern „heute ist etwas Besonderes“.

Sagnlandet Lejre, ein Freilichtmuseum mit Forschungsauftrag
Die Landstraße schlängelt sich um grüne Wiesen und dunkle Wälder. Und plötzlich sehen wir historische Kutschen auf einer Wiese stehen. Klassische Modelle mit historisch gekleideten Kutschern und Grooms, die ihre Pferde anspannen. Das Timing dafür könnte nicht besser passen. Wir steuern Sagnlandet Lejre an – ein sperriger Name, hinter dem sich ein archäologisches Freilichtmuseum verbirgt. 1964 gegründet, um durch Versuche herauszufinden, wie die Menschen früher wirklich gelebt haben. Das Sagenland ist hier also nicht vergleichbar mit einem themenbasierten Freizeitpark und auch nicht mit einem klassischen Museum. Auf 43 Hektar liegen hier Häuser und Landschaften aus Steinzeit, Eisenzeit, Wikingerzeit und aus dem 19. Jahrhundert. Alles beruht auf archäologischen Funden, nichts ist künstlich geschönt oder stark verändert.
Auf dem Rundgang durch das Sagenland
Nach einem Blick auf die Kutschen, die nebenan auf Schloss Ledreborg in einem Wettbewerb gegeneinander antreten, treffen wir unseren Guide Kenneth am Eingang von Sagnlandet Lejre. Wir haben keine wirkliche Vorstellung, was uns hier erwartet und rechnen mit einer Art Familien-Freizeitpark. Doch weit gefehlt. Gemeinsam mit Kenneth spazieren wir durch die hügelige Landschaft und begeben uns auf eine Zeitreise. Sanft führt der platt getretene Weg bergauf und bergab, links und rechts stehen Schafe, Esel und Ziegen. Gänse laufen in einer kleinen Gruppe über eine Wiese. Nach einer Kurve sind wir am Ufer eines kleinen Sees. Dort stehen zwei weiße, reetgedeckte Häuschen. In einem befindet sich die Töpferei. Holz knackt und brennt im Kamin, es ist warm und gemütlich. Hier ist einer der wenigen Orte, wo „Jydepotter“ hergestellt werden – schwarz gebrannte, unglasierte Tontöpfe aus Westjütland, die ohne Töpferscheibe von Hand geformt werden. Nebenan ist die Textilwerkstatt, hier wird an nachgebauten Webstühlen und nach originalen Mustern und Vorgaben mit Faden und historischen Trachten gearbeitet.

Auf einem weiteren Hügel steht das Café Hvidesøhus. Original 1763 gebaut, war es eine Schwarzschänke für die Landbevölkerung. Heute ist es das Café von Sagnlandet Lejre. Auf der Karte stehen hausgemachte Gerichte, die nach historischen Vorbildern vom Anfang des 20. Jahrhunderts zubereitet werden. Einige Produkte stammen dabei aus eigenem Anbau, das Fleisch aus eigener Haltung.






Wohnen wie vor 2000 Jahren
Wer möchte, kann hier auch über Nacht bleiben. Familien können in die Eisenzeit, die Wikingerzeit oder ins 19. Jahrhundert einziehen und erleben, wie es sich angefühlt haben muss, damals zu leben. Auch Schulklassen kommen hierher und erleben Geschichte hautnah. An diesem trüben Samstag sehen wir viele Familien, die samt Bollerwagen die Feuerstellen auf einer Wiese besuchen und ihren Lunch über dem offenen Feuer zubereiten.

Eine Mitarbeiterin betreut in traditioneller Kleidung ein kleines Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert. Alles darin ist originalgetreu nachgebaut, die Wände sind verrußt, es gibt weder Strom noch fließendes Wasser. Nebenan schnattern die Gänse, zwei Esel stehen auf der Wiese, daneben spielen Kinder mit Steckenpferden. Faszinierend einerseits, irgendwie beklemmend andererseits. Ich, die nicht mal zelten gehen mag, kann mir nicht vorstellen, hier zu übernachten.


Oben auf dem Hügel: die Königshalle
Ein Highlight der Anlage ist die Königshalle. Vom Eingang des Parks spaziert man etwa 300 Meter einen Hügel hinauf und erblickt das beeindruckende Gebäude. 60 Meter lang, zwölf Meter breit und zehn Meter hoch, wurde es aus mehr als 1000 Tonnen Eichenholz gebaut. Sie ist ein Nachbau des Gebäudes, das 2009 keine drei Kilometer entfernt ausgegraben wurde und das größte bekannte Gebäude der dänischen Wikingerzeit ist. Der Nachbau wurde 2020 von Königin Margrethe mit einem Schwerthieb eröffnet. Innen duftet es nach Holz und Rauch, gedämpftes Licht scheint herein und sorgt für eine warme Stimmung.


Ich hatte mit einem Freizeitpark gerechnet, mit nachgebauter Kulisse und Kindern, die mit Plastikschwertern kämpfen. Stattdessen laufen wir über ein Gelände, auf dem geforscht wird. Jedes Haus steht hier, weil es irgendwo in Dänemark ausgegraben wurde. Jeder Topf ist von Hand gemacht, jeder Stoff nach einem originalen Muster gewebt. Man merkt an jeder Ecke, wie viel Arbeit und wie viel Überzeugung in diesem Ort stecken. Und genau deshalb funktioniert es so gut: Geschichte wird hier nicht erklärt, sondern erlebbar. Das ist eine neue Erfahrung und berührt mich sehr.

Herslev Bryghus, die Brauerei von nebenan
Vom Sagenland zurück in die aktuelle Zeit ist es eine ganz schöne Umstellung. Nur wenige Minuten entfernt liegt nämlich das Herslev Bryghus. Eine Brauerei mit Restaurant und genau das, was wir jetzt brauchen. Die Straße führt wieder durch idyllische Felder hindurch, bis wir auf einem Hof mitten in der Landschaft stehen.
Und dann passiert etwas, das uns den ganzen Aufenthalt in Fjordlandet begleitet: Wir kennen das hier. Nicht, weil wir schon mal hier waren. Aber das eindrucksvolle Logo stand schon im Café von Sct. Hans Have auf der Karte und auch im Raadhuskælderen gab es das Bier von hier. Nun stehen wir hier auf dem Hof, auf dem es entsteht.

Tore Jørgensen ist ursprünglich Landwirt und hat hier 2004 mit der Brauerei gestartet. Das Getreide wächst auf den eigenen Feldern direkt vor der Tür, das Wasser kommt aus dem eigenen Brunnen und mittlerweile produziert der Betrieb ungefähr eine Million Liter Bier im Jahr. Dazu auch Sondereditionen für Sternerestaurants im nicht weit entfernten Kopenhagen.
Mittags sind die langen Tische gut besetzt, ganze Familien kommen zusammen, plaudern, reichen sich gefüllte Teller und voll beladene Tabletts. Auf der Karte steht, was die Jahreszeit hergibt. Dazu ausgewählte Produkte von Partnern, die man auch im angrenzenden Hofladen kaufen kann.

Der beste Dosenfisch, den ich je gegessen habe…
Wir essen Fisch aus der Dose. Und das ist keine zweite Wahl, weil es sonst nichts gäbe. Es ist das Beste, was ich seit Langem aus einer Konserve gegessen habe. Ein über offener Flamme gegrillter Lachs von den Färöer-Inseln, der mit Sanddorn und Zitronenverbene verfeinert wird. Dazu gibt es Sauerteigsandwich mit Schweinebraten, der langsam im hauseigenen Bier gegart wird und mit Rotkohl und einem Apfel-Thymian-Kompott serviert wird. Außerdem Hummus aus dänischen Hülsenfrüchten mit eingelegten roten Zwiebeln. Wir probieren das Rhabarber-Radler, ein Hazy IPA, das mit der eigenen Rhabarberlimo „Rhabarberbrus“ hergestellt wird.



Nach dem Essen werfen wir einen Blick in die Produktionshallen. In einer der Hallen wird gerade bunt für eine Hochzeit eingedeckt. Alles wirkt modern und unangestrengt, nichts ist bewusst auf rustikal getrimmt, gleichzeitig wirkt nichts zu clean oder gewollt modern. Es ist einfach die Brauerei von nebenan. Im Hofladen finden wir dann alles wieder, was wir probiert haben: die Hülsenfrüchte aus dem Hummus, den großartigen Dosenfisch und eben das Bier. Natürlich müssen wir ein bisschen einkaufen, bevor wir weiterfahren.



Abendessen im Pipers Hus in Roskilde
Abends finden wir uns auf einem Hügel zwischen Wikingerschiffmuseum und Domkirke wieder. In einem kleinen Pavillon im Byparken befindet sich hier das Restaurant Pipers Hus. Ursprünglich wurde der Pavillon 1924 geöffnet und anschließend erweitert. Von unserem Tisch aus haben wir einen wunderbaren Blick auf den Roskilde Fjord mit dem Wikingerschiffmuseum und lassen bei einem gemütlichen Abendessen die bisherigen Eindrücke des Tages sacken.

Svanholm, ein Gutshof im Kollektivbesitz
Am nächsten Morgen fahren wir über ruhige Straßen nach Skibby. Die Straße führt auf ein herrschaftliches Gebäude zu, daneben befinden sich Stallungen und ein Café. Unser Ziel heute: Svanholm Storkollektiv. Der Gutshof gehört seit 1978 einem Kollektiv. Damals kaufte eine Gruppe von rund 100 Menschen das Anwesen, heute leben hier ungefähr 80 Erwachsene und 50 Kinder auf 414 Hektar. Wir starten eine kleine private Tour mit einer lieben Bewohnerin, die selbst seit einigen Jahren auf Svanholm lebt. Das Haupthaus, die verschiedenen Wohnungen und Häuser, dazu das Gemeinschaftszentrum mit großer Küche. Sie erklärt uns alles Wichtige, was für uns, die eine solche Form von Kollektiv nicht kennen, nur schwer greifbar ist. Wer hier einzieht, wird Miteigentümer der Gesellschaft, der das Gut gehört und bekommt eine Wohnung zugewiesen, die zur Familiengröße passt. Niemand besitzt seine Wohnung selbst. Der gesamte eigene Lohn geht in die gemeinsame Kasse. Zurück bekommt man 18 bis 20 Prozent des Bruttolohns als Taschengeld. Dafür ist alles andere abgedeckt: Wohnen, Steuern, Essen, Versicherungen, Strom, Kinderbetreuung. Wie hoch der Anteil ist, legen alle gemeinsam fest, jeden Herbst bei der Budgetplanung. Entschieden wird alles im Konsens.

Eine Küche für alle
Wir werfen einen Blick in die hervorragend ausgestattete Großküche und den Vorratsraum, der mit guten Bio-Produkten bestückt ist. Ein Koch ist hier fest angestellt, die Bewohner übernehmen reihum Dienste: ein paar Mal im Monat abwaschen, einmal im Monat mitkochen. An fünf Abenden pro Woche wird gemeinsam gegessen, wer lieber zu Hause isst, holt sich das Essen ab. Reste stehen genauso zum Mitnehmen bereit wie Zutaten für diejenigen, die selbst kochen möchten. Jeder nimmt sich, was er braucht.
Und das ist noch nicht alles. Wir bekommen den Fuhrpark gezeigt. Gemeinschaftsautos und Gemeinschaftsfahrräder lassen sich reservieren, für gelegentliche Fahrten genauso wie für feste Arbeitstage. Vom Kindersitz bis zum Fahrradanhänger gibt es alles an Zubehör. Ein eigenes Kinderhaus mit Krippe und Kindergarten ist auch offen für Kinder aus der Umgebung. Im Kollektiv leben und arbeiten außerdem je nach Saison zehn bis 20 Volontäre. Junge Menschen aus aller Welt, aktuell zum Beispiel aus Japan, Südkorea oder auch aus Deutschland. Sie bleiben für ein bis drei Monate, arbeiten in Landwirtschaft, Küche oder Baugruppe und bekommen dafür Kost und Logis.



Ökologischer Landbau seit 1990
Svanholm gehört außerdem zu den Pionieren des ökologischen Landbaus in Dänemark. Mitglieder von hier sind an der Gründung des dänischen Ökoverbands 1981 beteiligt gewesen. Bereits seit 1990 ist der ganze Betrieb ökologisch. In den Kühlkammern stapeln sich aktuell Bete und Kohl, eigene Kartoffeln und Zwiebeln. Neben Ackerbau gibt es Gemüse aus eigenem Anbau und eine Obstplantage. Außerdem stehen hier 120 Jerseykühe, die wir aber heute nicht zu Gesicht bekommen, weil sie auf den weitflächigen Weiden rund um das Gut grasen.


Mittags stoppen wir im Café und genießen eine frisch gekochte Gemüsesuppe aus eigenem Gemüse mit einem Glas frischer Rohmilch zum Probieren. Man kann die Milch und frisches Obst und Gemüse in der zugehörigen Gårdbutik auch zum Mitnehmen kaufen, genau wie selbst gemachten Honig. Irgendwie finde ich das Konzept des Kollektivs faszinierend und glaube, dass es für viele Menschen funktioniert. Für mich persönlich wäre es allerdings nichts…

Bei Hansens Is in Jægerspris
Was wäre was für mich? Eis, definitiv! Und so folgen wir der Milch von Svanholm, die jeden Morgen nach Jægerspris gefahren wird. Im kleinen Ort halten wir vor einem weißen, eher unscheinbaren Gebäude: Hansens Is. Die Marke ist in sämtlichen dänischen Supermärkten zu finden, bei unseren Besuchen haben wir immer wieder dieses Eis gekauft. Es ist wie bei Herslev: Erst kennt man das Produkt, dann den Ort, wo es herkommt.
Angefangen hat alles 1922, als Hans Hansen seine Molkerei gründete. 1997 verkaufte die Familie ihre Marke, weil der Wettbewerb zu hart geworden war. 2003 fing sein Enkel Hans Jørgen mit seinen beiden Söhnen noch einmal von vorne an, mit den alten Rezepten der Familie. Heute führen die beiden Brüder Rasmus und Anders den Familienbetrieb in vierter Generation. Schon seit 2011 kommt die gesamte Milch von Svanholm, jeden Morgen holt ein eigener Milchwagen sie ab. Nach eigener Aussage ist Hansens übrigens der einzige Hersteller in Dänemark, der die Verarbeitung mit roher Milch beginnt. Seit 2020 kauft Hansens Is Kakaobohnen direkt bei Bauern in Uganda. Mikkel Friis-Holm macht daraus Schokolade. Friis-Holm gehört mittlerweile ebenfalls zu Hansens Is.



Im Eisladen selbst trifft Industriecharme auf poppige Gemütlichkeit. Pinke Tische und Bänke laden zum Sitzen ein, ein großes Fenster gibt den Blick auf die Produktion frei. Zum Design von Hansens Is liegt im Regal ein eigenes Buch, dazu zahlreiche schöne Merch-Produkte von Pullis über Notizbücher bis hin zu Taschen für Fans der Marke. Menschen aus der Umgebung kaufen das Eis hier direkt ab Werk für zu Hause.




Das Softice, das keines ist
Vor Ort gibt es neben Softice auch alle aktuellen Eis-Sorten, verschiedene Eis-Drinks und Kaffee. Was dort aus der Softice-Maschine kommt, sieht aus wie Softice, ist aber eigentlich keines. Statt eines Softeis-Mixes mit Magermilchpulver zapfen sie hier nämlich echtes Sahneeis aus frischer Milch. Das schmeckt man sofort, es ist dichter und weniger luftig. Wir probieren uns einmal durch das Schokoladen- und Eissortiment und könnten glücklicher nicht sein.

Die Kühe haben wir leider nicht gesehen, wissen aber, wo und wie sie leben. Dass ihre Milch hier in dem köstlichen Eis steckt, ist wieder so ein Full Circle Moment. Qualität und Handwerk, die man schmeckt.

Schloss Jægerspris und die Geschichte von Gräfin Danner
Nachmittags erwartet uns Kirsten im Schloss Jægerspris. Sie führt uns durch die Räume und was wir hier sehen, wirkt für ein Museum ungewöhnlich. Es sieht aus, als wären die Bewohner nur kurz vor die Tür gegangen. Als würde man das Wohnzimmer von jemandem betreten. Die Zimmer sind original im Zustand der 1850er-Jahre mit Seidentapeten, Stuckdecke und der Pfeifensammlung des Königs erhalten. Man taucht ein in eine Zeitkapsel und in die Geschichte einer beeindruckenden Frau.

Frederik VII., den wir aus der Domkirke kennen, hatte hier schon als junger Prinz gewohnt. 1854 kaufte er das Schloss vom Staat zurück, es sollte der Witwensitz seiner Frau werden. Es lag damals eine Tagesreise von Kopenhagen entfernt und genau darum sollte es gehen: Hier war das Paar den missbilligenden Blicken des Hofes entzogen.
Die Ehe galt damals nämlich als Skandal. Er war König, sie kam aus der Arbeiterklasse und war die Tochter einer unverheirateten Dienstmagd. Nach ihrer Hochzeit bekam sie den Titel Gräfin Danner, weil sie keine Königin werden durfte. 1863 starb der König. Und jetzt kommt der Teil, der mich seit dem Besuch der Domkirke nicht mehr losgelassen hat. Gräfin Danner hätte sich zurückziehen und auf ihrem Erbe ausruhen können. Stattdessen eröffnete sie bereits 1865 im Schloss ein Gedenkmuseum für ihren Mann. 1867 richtete sie außerdem im Kavaliersflügel des Schlosses ein Kinderheim ein. 1873, ein Jahr vor ihrem Tod, übertrug sie ihr gesamtes Erbe samt dem Schloss an eine Stiftung, die das Heim und das Museum weiterführen sollte. Im selben Jahr legte sie in Kopenhagen den Grundstein für ein Haus für bedürftige Frauen aus der Arbeiterklasse.

Das Grab im Schlosspark
Zum Abschluss der Führung laufen wir mit Kirsten durch den Schlosspark. Alte Eichen, Denkmäler, ein ruhiger Weg führt uns hindurch. Und dann stehen wir vor dem Grab von Gräfin Danner. In der Domkirke liegen die Könige, so auch ihr Mann. Sie liegt hier, unter einem Hügel in ihrem eigenen Park, eine gute halbe Autostunde entfernt. Für den Hof war sie nie gut genug. Was aber bis heute von ihr geblieben ist, sind ein Museum, ein Kinderheim und ein Haus für Frauen, die nichts hatten.

Warum sich der Weg nach Fjordlandet lohnt
Den letzten Abend verbringen wir im lieb gewonnen Hotel Søfryd. Sonntags haben die meisten Restaurants geschlossen und so holen wir uns ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt. In einer gemütlichen Ecke mit Blick auf den Fjord knabbern wir frische Gurke mit Hummus, arbeiten noch ein bisschen an unseren zahlreichen Fotos und lassen die Tage hier Revue passieren.
Die Reise nach Fjordlandet war wieder anders als die letzte Reise. Dieses Mal ging es weniger um Köchinnen und Köche und weniger um klassische Erzeuger und ihre Geschichten. Diesmal ging es um die Geschichte selbst und das war neu für mich: Wikinger, Könige, eine besondere Gräfin. Dazu Betriebe, die seit Generationen in Familienhand sind, ein Kollektiv, das es seit fast 50 Jahren gibt und ein Garten, in dem seit über 200 Jahren Gemüse wächst.
Was mir besonders aufgefallen ist: Es ging fast überall darum, etwas zu erhalten und weiterzutragen. Die Bootsbauer, die ein 1000 Jahre altes Schiff mit denselben Werkzeugen wie damals nachbauen. Die Familie, die ihre Marke verkaufte und mit den alten Rezepten nochmal angefangen hat. Die vierte Generation bei Frellsen. Und Gräfin Danner, deren Kinderheim und Frauenhaus bis heute bestehen.
Roskilde ist von Kopenhagen aus in einer guten halben Stunde mit der Bahn erreichbar. Wenn ihr in der Hauptstadt seid, nehmt euch mal einen Tag und kommt vorbei. Fjordlandet ist nah dran, aber gleichzeitig ganz anders: ruhig, grün, mit viel Geschichte und mit Menschen, die mit ihrer Arbeit einen Wert schaffen und erhalten.
Wir verlassen Fjordlandet mit einem Kofferraum voller Flødeboller und dem Gefühl, dass wir wieder etwas Neues über dieses Land, das wir so mögen, erfahren haben. Und dass es noch viel mehr zu entdecken gibt.
Bei Sascha und Torsten findet ihr noch mehr Eindrücke: Roskilde und Fjordlandet | Dänemark eine halbe Stunde hinter Kopenhagen. Dort gibt es auch alle Infos zu Adressen, Öffnungszeiten und viele praktische Tipps. Guckt unbedingt mal rein!
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Tipps und Informationen rund um die Region Fjordlandet findet ihr außerdem auf der offiziellen Website: https://www.visitfjordlandet.de/
Vielen Dank an Visit Fjordlandet, die uns zusammen mit Visit Denmark zu dieser Reise eingeladen haben.

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